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"Ich recruite Persönlichkeiten - keine Zertifikate"

Interview mit unserer Geschäftsführerin der GFA GMBH Sandra Wust zum Thema Soft-Skills bei der Stellenbesetzung.

Wie würdest du das Verhältnis der Bedeutung von Hard-Skills zu Soft-Skills in Bezug auf eine Stellenbesetzung sehen?

Sandra Wust: "Unsere Erfahrung zeigt, dass wenn es darum geht, eine Stelle langfristig erfolgreich zu besetzen, die menschliche Seite ausschlaggebend ist. Sprich, ob jemand in ein Unternehmen – also zur Unternehmenskultur und zum bestehenden Team – passt. Ich würde sogar so weit gehen und sage, Soft Skills sind wichtiger als Fachkompetenz. Leider kommt es im Recruiting in vielen Unternehmen noch vor, dass der Mensch nur anhand seiner Zeugnisse und Zertifikate beurteilt wird."

Was genau heißt für dich „menschliche Seite“?

Sandra Wust: "Die Persönlichkeit – also die Gesamtheit individueller Werte, Einstellungen und Anforderungen, die sich im Verhalten widerspiegeln und als berufliche Erfolgsfaktoren gelten. So zum Beispiel Toleranz, emotionale Intelligenz, Durchsetzungsfähigkeit, Flexibilität, Innovationsfreude, Neugierde u.v.m. Dabei nicht zu verwechseln mit Temperament oder Charakter im Allgemeinen. Oft machen gerade unterschiedliche Charaktere ein gutes Team aus."

Welche negativen Auswirkungen hat es für ein Unternehmen, wenn die menschliche Seite nicht passt?

Sandra Wust: "Stellenbesetzungen kosten Geld, Fehlbesetzungen umso mehr. Angefangen von den Kosten für Anzeigen und dem Zeitaufwand für Gespräche bis hin zu indirekten Kosten für Einarbeitung & Co. Folglich sollte man dafür sorgen, dass diese Investitionen in die richtigen Mitarbeiter getätigt werden. Unter Umständen verlässt der Mitarbeiter das Unternehmen bereits nach kurzer Zeit wieder und man steht wieder am Anfang. Laut einer Studie von McKinsey hat ein Unternehmen mit zehn Neueinstellungen pro Jahr durch Fehleinstellungen ein Verlust von bis zu 180.000,00 € (nur direkte Kosten).

Aber der noch viel wichtigere Aspekt ist der Schaden auf der persönlichen Ebene, wenn es „nicht passt“. Streit und Reibereien verzehren nicht nur unnötig Energie, sondern drücken auch ordentlich auf die Motivation. Herrscht eine schlechte Stimmung im Team oder der Abteilung, vergrault man sich im schlimmsten Fall sogar bewährte Mitarbeiter. Eine Fehlbesetzung kann daher sehr weiterreichende Folgen für das Unternehmen haben. Vom „negativen Gerede“ und der Imageschädigung, die durch unzufriedene Mitarbeiter, die das Unternehmen verlassen, verursachen können einmal ganz abgesehen."

Welches Schlüsselerlebnis hat dich davon überzeugt, dass die menschliche Seite von größerer Bedeutung als die Fachkompetenz ist?

Sandra Wust: "Es gibt nicht das eine Schlüsselerlebnis. Meine langjährige Erfahrung in der Personalberatung zeigt es bei jeder einzelnen Vermittlung immer wieder von neuem: Jeder Arbeitgeber legt an seine Mitarbeiter andere Maßstäbe an und legt Wert auf unterschiedliche Persönlichkeitseigenschaften. Genauso haben Bewerber unterschiedliche Anforderungen an ihre Arbeitgeber. Die Kunst ist das richtige Matching. Es gibt Kunden, bei denen weiß ich genau, dass ich einen bestimmten Kandidaten dort gar nicht erst vorschlagen brauche. Im Zweifelsfall wird er dort aufgrund seiner Persönlichkeit bereits im Vorstellungsgespräch anecken. Gleichzeitig wissen wir von Unternehmen oder Stellen, bei denen genau diese Art von Persönlichkeit gesucht wird. Unsere Aufgabe ist es mithilfe unserer Erfahrung und unseres „Insider-Wissen“ – sowohl zu den Unternehmen als auch zu den Kandidaten – die passenden zwei zusammen zu bringen. Der richtige Mitarbeiter muss an die richtige Stelle im richtigen Unternehmen!"

Es gibt viele Informationsquellen, wie man sich im Vorstellungsgespräch zu verhalten hat und antworten sollte. Wie kann ich dann von Personalseite her sicherstellen, dass ich den wirklichen Mensch mit seiner ihm eigenen Persönlichkeit erkenne und nicht lediglich eine Rolle wahrnehme, die er für Jobinterviews antrainiert hat?

Sandra Wust: "Hier kommt es auf die entscheidende Befähigung an, Menschen beurteilen zu können. Dazu muss der Personalberater neben Erfahrung sehr viel Empathie und Menschenkenntnis mitbringen. Gerade in Vorstellungsgesprächen gilt die goldene Regel „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“. Es ist extrem wichtig, zuhören zu können. Es gibt Personaler, die auf Stresssituationen setzen, um den Menschen herauszufordern, davon halte ich nichts. In einer entspannten Situation zu plaudern und die richten Fragen zu stellen, um den Mensch, der vor mir sitzt kennen zu lernen, davon bin ich überzeugt. Ich recruite Persönlichkeiten – keine Zertifikate. Dazu helfen uns bei der GFA neben der guten Menschenkenntnis ausgewählte Diagnostik-Tools, die wir unter Umständen zusätzlich einsetzen. INSIGHTS MDI® ist zum Beispiel ein Tool, das ich für geeignet erachte."

Deine Karriere begann ursprünglich im Einkauf und du bist erst mit dem Wechsel zum Familienunternehmen im Bereich Human Ressources gestartet. Welche Soft-Skills, die dir im Bereich Einkauf genutzt haben, konntest du auf deine Tätigkeit im Bereich Personal übertragen?

Sandra Wust: "Nach meinem BWL-Studium mit Fremdsprachenschwerpunkt in Trier und einem Zusatzstudium in Holland habe ich meinen Berufsweg bei der Peek & Cloppenburg KG begonnen. Zunächst als Trainee, später dann als Einkäuferin. Nach sieben Jahren im Bereich Einkauf und Mode bin ich dann bei der GFA eingestiegen.

Meine Fähigkeit, Menschen innerhalb kurzer Zeit einschätzen zu können, hat mir in beiden Berufen sehr geholfen. Als Einkäuferin habe ich viel Zeit damit verbracht, die besten Lieferanten aufzuspüren und mit ihnen über Preise, Lieferzeiten, Qualitäten, Verträge und Zahlungsbedingungen zu verhandeln. Genauso wie in den Bewerbungsverfahren, die ich jetzt leite, ist es natürlich von Vorteil, wenn ich schnell ein Gefühl für mein Gegenüber entwickle und dessen Gefühle korrekt wahrnehme bzw. verstehe. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich bei diesem Fremden um Lieferant, Bewerber oder Arbeitgeber handelt."

Welche Werte sind dir persönlich wichtig, wenn du Mitarbeiter direkt für die GFA Verwaltung einstellst?

Sandra Wust: "Allgemein lege ich Wert auf Selbstständigkeit, Problemlösefähigkeit, sympathisches Auftreten, Loyalität und, Leistungsbereitschaft. Im Bereich Personalentwicklung ist natürlich ein hohes Maß an Empathie gefragt – und je nach Projekt bedarf es auch Interkultureller Kompetenz. Mein Führungsstil basiert auf aktiver Involvierung, Mitdenken und Vertrauen. Ein hierarchisches Führungskonzept aus Kontrolle, Misstrauen und Sanktionen würde für uns nicht funktionieren."

Da du beruflich um die Bedeutung der Soft-Skills weißt, berücksichtigst du die Entwicklung von Soft-Skills in der Erziehung deiner Kinder?

Sandra Wust: "Natürlich basiert die Erziehung unserer Kinder auf Wertevermittlung. Werte wie Ehrlichkeit, Offenheit, Toleranz, Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit und Selbstvertrauen spielen in allen denkbaren Lebensbereichen eine entscheidende Rolle. Dabei gibt es natürlich auch Situationen, bei denen Soft Skills zum Vorschein treten, die im Business gefragt sind. Zum Beispiel, wenn das Kind clever mit einem über eine spätere Bettgehzeit verhandelt, ist man schon gewillt, hier entgegenzukommen, um erste Fähigkeiten hinsichtlich Überzeugungskraft und Verhandlungsgeschick zu fördern. Und ja, man kann nicht früh genug damit beginnen, an seinen Soft Skills zu arbeiten, denn die Entwicklung der Soft Skills ist ein lebenslanger Prozess."